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Ein „Viech von einem Mann“

Ein „Viech von einem Mann“
Eine Anfangsszene: Dorfrichter Adam geht Schreiber Licht an die Gurgel, weil dieser sich im Ton vergriffen hat. FOTO: max
Stadt Willich. Mit dem Stück „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist wurden die Schlossfestspiele Neersen 1984 eröffnet. 33 Jahre später zeigt Intendant Jan Bodinus mit seiner Inszenierung, dass der große deutsche Klassiker nichts an Aktualität verloren hat. Vor allem aber führt er – unterstützt von Ausstatterin Silke von Patay – vor, dass man einen Klassiker mit einem kräftigen Schuss Ironie und etwas freier Gestaltung richtig gut aufpeppen und auch in Willich auf die Bühne bringen kann. Von Lutz Schütz

Zunächst gehört die gewohnt karg gestaltete Bühne ganz allein Michael Schanze, der den Dorfrichter Adam so gibt, wie in Kleist vorgesehen hat. Ein „Viech von einem Mann“, das gerne frisst, säuft und hinter jedem Rock her ist. Als Dorfrichter herrscht er wie ein kleiner Despot. Ein egozentrischer Machtmensch durch und durch. Ziel seiner Willkür sind seine Untergebenen, der Schreiber Licht (Gideon Rapp), seine Mägde (Jennifer Tilesi Silke und Sylvia Schitter) sowie sein tumber Büttel (Sven Post). Sie alle tragen schwarze Amtskluft mit weißem Kragen. Wobei die beiden Mägde durch sehr kurze Röckchen kombiniert mit tiefen Ausschnitten eine Sonderrolle spielen. Doch dazu später.

Auf der anderen Seite das einfache Volk. Frau Marthe Rull (Verena Wüstkamp), die den zerbrochenen Krug beklagt, ihre Tochter Eve (Maria Arnold) sowie der tatverdächtige Ruprecht (Holger Stolz) und dessen Vater Veit Tümpel (Kay Szacknys), deren Kleidung einfach gehalten ist. Und da gibt es noch den Gerichtsrat Walter (Heinz-Herrmann Hoff) und seine Bedienstete (Susanne Teil), die wieder ganz schwarz-weiß gekleidet sind, wobei die Bedienstete wie ein Domina rüberkommt.

Was das Stück sehenswert macht, ist nicht nur die Art wie die Schauspieler – vor allem Michael Schanze – die Kleistschen Blankverse ohne überhöhten Pathos sprechen, sondern die feine ironische Brechung, die sich wie ein roter Faden durch die Inszenierung zieht, ohne dass der fast jedem deutschen Schüler bekannte Handlungsstrang – Adam versucht, erst Eve zum Sex zu nötigen und versucht dann alles, um diese Untat zu vertuschen – ad absurdum geführt wird.

Aber bevor sich der Zuschauer allzu sehr über den Dorfrichter empört, sollte er sich an die eigene Brust klopfen. Die so reizvoll anzuschauenden Mägde des Dorfrichters und die strenge Bedienstete des Gerichtsrates kamen aufgrund ihrer Optik vor allem bei den männlichen Besuchern gut an. Ein kleiner Dorfrichter Adam steckt, scheint’s, fast in jedem Mann.

Und das betrifft nicht nur das Sexuelle. Macht, so Kleists Aussage, die Bodinus intensiv herausarbeitet, verändert den Menschen oft zum Negativen. Die Wandlung des Schreibers in der wundervollen Schlussszene – Licht tritt die Nachfolge Adams an – unterstreicht dies mit Nachdruck.

Ein lang andauernder kräftiger Applaus des Premierenpublikums war der Lohn für eine hervorragende Leistung des gesamten Ensembles, aus dem Rapp, Wüstkamp und Schanze herausragten.

(StadtSpiegel)